Utulpia terrestra 1990

Utulpia terrestra 1990 in Sindelfingen

 

1990 begleitete ich Richard Schindler bei seinen Tulpen Instalationen in ganz Sindelfingen auf den Stromkästen des lokalen Energieversorgers.

 

 

Dingbilder für unpopuläre Orte

Überall gibt es Ecken, Winkel und Nischen, unscharfe Randzonen der Aufmerksamkeit, an denen technische Installationen ihr unbemerktes, aber wirksames Dasein führen. An solche Orte müßte sich die Kunst zurückziehen, dorthin müßte sie vordringen. Sie müßte sich, einem Geheimagenten gleich, einschleichen in die verschwiegene Welt der Kästchen, Dosen und Schalter, der Garagenöffner, Fernbedienungen und Warnanlagen. Sie müßte Mimikry machen, und sich den Feuerlöschern und Notbeleuchtungen, den Meßinstrumenten und Temperaturfühlern, den Rauchsensoren und Feuermeldern, Geruchverbreitern, Lautsprechern und Schaltuhren angleichen. Wie Verteilerkästen und Regler müßte sie grau sein oder weiß, lautlos und unscheinbar, neutral wie ihre technischen Verwandten und die Orte an denen sie hängen, kleben und haften. Sie müßte sein, wie ehedem der Mistelzweig über der Tür, der Knoblauch am Fensterkreuz. Sie wäre ein stummer Zeuge. Aber wie ihre technischen und magischen Halbbrüder und -schwestern geschäftig im Verborgenen für unbekannte Auftraggeber. Sie wäre eine beruhigende und zugleich eine beunruhigende Kraft. Sie verdankte sie ihrer undurchschaubaren Verbindung, die sie zu irgendetwas oder irgendwem im Geheimen unterhielte. Allgegenwärtig sähe sie und hörte, röche, registrierte, leitete weiter, unterbräche oder verbände. Wie ihre saubere Verwandschaft wäre sie einfach da und niemand wüßte, was sie eigentlich tut und ob sie es tut. Keiner ahnte wirklich, wessen Agent sie wäre, wer sie an ihren dunklen Ort verbrachte und warum. Sie wäre einfach da. Vor arglosen Blicken offen verborgen. R.S. 1987

Katalogtext aus:

KKS – KOOL KILLER SYSTEMS
Dingbilder für unpopuläre Orte
Kunstverein Kirchzarten 1987

Brief von Richard Schindler

„Utulpia terrestra thematisiert Randzonen der Aufmerksamkeit. In diesen Zonen treibt ein Heer technischer Geräte und Apparate (Schaltkästen, Warnanlagen, Feuchtigkeitsmesser, Sprechanlagen, Garagenöffner etc.) ihr Wesen indem es sich hinter immer ähnlichen, standardisierten, rechtwinkeligen Oberflächen tarnt und dadurch bei größter Sichtbarkeit gleichzeitig äußerste Verborgenheit (auch vor der Wissenschaft) für sich in Anspruch nehmen kann.“
Aus einem Brief von Richard Schindler an Dr. Bernhard Glaeser, Wissenschaftszentrum Berlin, 1994

Ausstellungseröffnung 1994

„Nehmen wir einmal die Schaltkästen: …der Sindelfinger Installation, bei der Schindler auf eine Vielzahl von grauen Kästen, die Sie gewöhnlich in unmittelbarer Nachbarschaft zu jeder Ampelanlage im Stadtraum finden, aber vermutlich nicht wahrnehmen, einen Strauß von Tulpen abgelegt hat. Dieses unscheinbare Mobiliar unseres öffentlichen Raumes ist Teil der technischen Installation unserer zeitgenössischen Informationsgesellschaft. Die Orte, an denen es zu entdecken ist, sind sicherlich unpopulär., aber die Vielzahl der Erscheinungen solcher Schaltkästen machen sie doch zu einem wesentlichen Bestandteil des öffentlichen Lebens. Sie sind Teil des Funktionsbetriebes. Auf eigentümliche Weise tritt also hier etwas, grau-in-grau, in den Hintergrund, was für das Gefüge doch sehr ausschlaggebend ist. Auf seinem Weg von der Wohnung in Atelier zählte Richard Schindler, dass er pro Weg täglich 44 solcher Kästen passiert. …

Die am Straßenrand zu findenden Schaltkästen offenbaren, durch die Hinzufügung der Tulpen sichtbar geworden, die Wesenhaftigkeit der Gesellschaft, die diese Kästen produziert, nämlich eine bestimmbare Form von Undurchsichtigkeit, Undurchschaubarkeit, Undurchdringlichkeit. Sie haben eine aufrechte, rechteckige Gestalt, die sehr markant an die traditionelle Form des Grabsteins erinnert. Fragt man sich, ob das wohl ‚von ungefähr‘ kommt, so stutzt man in der tat sehr schnell, denn die Parallelerscheinung liegt doch ohne Zweifel hier in dem Verborgenhalten einer Sache, den Informationsleitungen, die, wie auch bestattete Tote, unter der Erde liegen.  Zudem tragen die Schaltkästen Nummern: 219, 149, 175 – wie Grabfelder.

Schindler zeigt mit seiner künstlerischen Analyse der Kästen auf Eigenschaften der Gesellschaft. Er legt auf jeden dieser Kästen einen Tulpenstrauß, so wie man es zuweilen bei Friedhofsbesuchen sieht. Nur bestehen seine Sträuße nicht aus echten, bald verwelkenden Blumen, die in ihrer Morbidität immer selbst auch ein Zeichen des Todes sind, sondern aus beständigem Plastik, einem Material,  das in seiner Modernität dem Geschehen des Schaltkastens adäquat ist. Die Geste des Niederlegens der Blumen auf das Grab vollzieht sich dagegen in einem völlig anderen Bedeutungskontext. Hier fügen wir dem steinernen Monument, in dem sich der Ausdruck der Trauer und Dauerhaftigkeit manifestiert, mit den frischen Blumen ein Moment der Vergänglichkeit hinzu. “ Aus: Perdita v. Kraft, Alias Richard Schindler,  Rede zur Ausstellungseröffnung im Wissenschaftszentrum Berlin, 1994